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Loslösung
Im
Schleier des Vergessens liegt mein Leben. Hin und wieder dringen
Stimmen zu mir herauf: Bleib lieber hier...Hier hast Du Deine
Sicherheit...Über allem die vertrauten und verhassten Worte:
Das schaffst Du sowieso nicht!
Jemand
wirft mir einen Knüppel in den Weg. Ich stolpere, raffe mich
auf und klettere weiter. Der Widerstand verringert sich, je
höher ich komme. Wäre da nicht dieser eine
Unentwegte, der ständig versucht, sich bei mir
anzuhängen, in der Hoffnung, dass ich ihn mit nach oben
schleppe. Als er nach meinen Waden greift, setze ich meinen
Körper ein, um ihn abzuschütteln.
Mittlerweile
geht es so steil bergan, dass ich mich mit den Händen
abstützen muss. Der Pfad hat sich zu einer schmalen Stiege
verengt.
Mit
den Fingerspitzen ertaste ich die Umrisse rauen Gesteins und beginne,
mich nach oben zu schieben. Kaum ragt mein Oberkörper
über die Felskante hinaus, als sich der Gipfelsturm
brüllend auf mich stürzt und das Salz auf meinen
Lippen sich schmerzhaft verhärtet.
Ist
denn hier niemand? Das Tosen des Sturmes als einzige Antwort.
Da
reißt das Mondlicht eine flackernde Lücke in die
Wolkenwand. Auf allen Vieren kriechend erreiche ich mit letzter Kraft
das kurzzeitig erhellte Gipfelkreuz.
Ein
Blitzschlag reißt mich aus meiner Lethargie. Ehe der folgende
Donner verhallt, entdecke ich die Leiter nach unten, eine
Armlänge von der Kante entfernt. Mit der Linken umklammere ich
das Kreuz, mit der Rechten versuche ich, die oberste Sprosse zu mir
heran zu ziehen. Als meine Finger das Holz umfassen, neigt sich die
Leiter, reißt meine Hand, den Arm, meinen Körper,
das Kreuz in die Tiefe.
Gestalten,
Schemen, Licht und Schatten tanzen um mich herum, grell bunte Strahlen
aus fernen Sonnen. Da zerspringt das Kaleidoskop vor meinen Augen, das
Dröhnen in den Ohren geht in ein
gleichmäßiges Rauschen über. Und es erwacht
diese Stimme, nach deren Klang ich mich ein Leben lang sehnte. Zuerst
gedämpft, Jahre entfernt, dann näher kommend und
zuletzt klar und deutlich, tief im Innern: Loslassen... Loslassen...
Ich
löse meine Finger von der Leiter, gebe das Kreuz frei, sehe
ihm nach wie es schwerfällig davon trudelt.
Über
mir den blauen Himmel, unter mir die breite Flussmündung,
nehme ich Kurs auf den Horizont und fliege, frei wie ein Vogel, hinaus
auf das offene Meer.
Karin
Rohner 1995
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