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England, Brighton-Sussex II







Ausländerin


Drei Jahre lang war ich Ausländerin. Dabei rechne ich das Deutschsprachige Ausland nicht mit. Dort fühlte ich mich überall schnell zu Hause. Nein, ich rede vom "richtigen Ausland". Wo du nur den Mund zu öffnen brauchst, und gleich versuchen sie, dich zu identifizieren. Are you Swedish? Standardfrage. Hier wie dort galt: Blond gleich Schwedisch. No, German. Doesn't matter... 
Heute weiß ich, was für ein Glück ich hatte, die in England gebräuchliche Hautfarbe zu tragen. Solange ich meinen Mund hielt, sah mich niemand als Ausländerin an.

Ich kam nach sieben Jahren Schul-Englisch und ein paar Semestern Berlitz-School nach Brighton in Sussex. Bis ich dort heimisch wurde, musste ich einigeHürden nehmen.

Unvergesslich wird mir meine Ankunft beim britischen Zoll in Dover bleiben. Müde von den Endlosstunden im Zug von Lübeck bis Ostende und der Kanalüberquerung, stand ich gegen Mittag mit meinen beiden Koffern auf dem Bahnhof von Dover. Zoll-Kontrolle. Die Frage, wieviel Geld ich dabei hätte, konnte ich nicht zur Zufriedenheit beantworten. Ich wolle doch nicht etwa in Great Britain arbeiten? Natürlich nicht. Ich wolle nur jemanden besuchen. Wovon ich denn leben wolle. Ich sei eingeladen. Was in den beiden Koffern wäre. Kleidung. Für wie lange? Ein paar Tage oder Wochen. Den großen Koffer durfte ich öffnen. Was ist denn das? Mein Federbett. Wozu denn das? Irgendwo muss ich doch schlafen! Der Zollbeamte ließ mich  kopfschüttelnd ziehen.
Später wurde mir dann klar, wem diese Sicherheits-Vorkehrungen galten. Ende der Sechziger/Anfang der Siebziger Jahre war das British Empire im Begriff, sich aufzulösen. Menschen, die bis dahin in den Kolonien gelebt und gearbeitet hatten, strömten ins Mutterland, weil sie sich dort bessere Chancen ausrechneten, als in den sich selbst überlassenen Kolonien. Diese Menschen waren vorwiegend Indischer Abstammung und von den damaligen Kolonialherren als billige Arbeitskräfte in British Ost-Afrika (Kenia)angesiedelt worden. Über viele Generationen hatten sie dort gelebt und konnten nicht nach Indien zurck. Dort galten sie als Briten. Wen wundert es, dass sie versuchten, über Drittländer in England einzureisen.
Arbeiten durfte ich in Brighton also nicht. Darum hatte ich Zeit Land und Leute zu studieren.Die Menschen, die ich traf, sprachen kein Oxford-, sondern Sussex-English. Ich hörte meistens zu und ließ mir Zeit mit dem Sprechen und musste dabei erfahren, für wie dumm einen die Einheimischen halten, wenn man die Sprache anscheinend nicht spricht.
Ich verbrachte einen Tag bei Pat. Wir gingen zusammen zum Shopping und holten ihre beste Freundin Jane von der Arbeit und später die Kinder von der Schule ab. Nun wollten sie mir etwas original Englisches kochen. Shepherd's Pie. The children's favorite dish. Aus dem Radio dröhnte Eloise, Jane's favorite song...
Die beiden Frauen kramten in ihrer Intimkiste, was bei der geschiedenen Jane ganz besonders interessant zu sein schien. Versteht sie auch nicht, was wir reden ? fragte sie immer wieder. Pat winkte beruhigend ab. Sie schien überzeugt zu sein: Wer schweigt, hört nicht.
Erst als ich "ortsansässig verheiratet" war, öffnete sich mir der Arbeitsmarkt. Die Enttäuschung folgte sofort. Technisches Zeichnen war eine Tätigkeit, die in England nur von Männern ausgeübt wurde.
Ich war schon froh, eine Halbtagsstellung in einem Wärmetechnischen Labor als Meter Scaler zu finden. Dort fertigte ich Scalen für hochempfindliche Messgeräte an und durfte die Apparate später auch eichen. Die Arbeit machte mir Freude. Nebenher fertigte ich auf einem
urzeitlichen Reißbrett hin und wieder eine Zeichnung für den Chef an. Wenn dir das Zeichnen so viel Spaß macht, warum erlernst du es nicht als Beruf?, fragte mein Kollege Collin.
Mit dem Chef kam ich gut klar. Für ihn nicht weiter verwunderlich, wie er mir erklärte. Schließlich sei er zur einen Hälfte Schottisch, zur anderen Holländisch, und damit frei von Vorurteilen. Jedenfalls allen Nicht-Engländern gegenüber. Ja, er sei stolz darauf, kein Engländer zu sein. Die besäßen wenig Arbeitsmoral. Ihr Motto laute: We'll muddle through. (Wir werden uns schon durchmogeln).
Auch mit meinem Kollegen Collin schloss ich Freundschaft. Es wunderte mich dann nicht mehr, als er mir gestand, er sei Norweger, als Kind im Krieg von Deutschen verschleppt worden. Deutsche in Deutschland hätten ihm dann das Leben gerettet. Für die anderen Kollegen wolle er auch weiterhin als Engländer gelten.
So lebte ich mein Leben in Brighton - zu Hause mit einem Deutschen Ehemann -  und als Meter Scaler in einer Norwegisch-Holländisch-Schottisch-Deutschen Enklave am Englischen Kanal.
 
Später habe ich Englisch geredet, wie mir der Schnabel gewachsen war. Als ich auf der Fähre Hamburg-Harwich von einem Londoner als Deutsche mit "Sussex-Slang" identifiziert wurde, fand ich das nur noch zum Lachen!

 
© Karin Rohner 2006

 
 [Küchenlatein]
  
 












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Ostsee-Leuchtturm, Nordsee-Inseln
England-Europa-Ausländerin
Copyright © 2006 by
Karin Rohner

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