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Wenn der Hahn kräht

"Sieh mal hier!", sagte der Hahn und drehte mir seinen Rücken zu. "Fällt dir denn gar nichts auf?"
"Ganz schön breites Kreuz, muss ich sagen. Aber sonst..."
"Paperlapapp, breites Kreuz! Das wäre ja natürlich. Aber sieh mal genauer hin! Habe ich da oben
überhaupt noch Federn? Unter uns gesagt, selber hingucken kann ich schon lange nicht mehr! Das
war einmal, so mit Kopf auf den Rücken ..."
"Schöne bunte Federn hast du! Mag sein, dass sie ein wenig dünn werden, aber das wäre für die
Jahreszeit normal!"
"Als ob das was mit der Jahreszeit zu tun hätte! Dieses Gefühl, als würde mir die Hülle zu eng!"
"Nun übertreibst du aber!"
"Ach was! Genau so ist es! Schließlich sitze ich hier nicht hinter Gittern, um nach Komplimenten
zu fischen! Sag die Wahrheit!"
"Die Wahrheit ist, du kannst dich jederzeit auf jedem Misthaufen sehen lassen! Bist du nun
zufrieden?"
"Sehr witzig!"
"Mich wundert nur, warum du überhaupt hier bist. Ich war der Meinung, das gemeine Suppenhuhn,
pardon, Suppenhahn, sei längst ausgestorben! Ich jedenfalls kann mich nicht erinnern, wann ich
einen von deiner Spezies zuletzt in der Tiefkühl-Truhe gesehen hätte!"
"Sind wir auch. Bis auf ein paar Reste am anderen Ende der Welt, bin ich der einzige lebende
Vertreter weit und breit. Du siehst ja, die Hennen, die sie mir zur Dekoration beigegeben haben,
nichts als ausgestopfte Weiber! Dabei kann ich schon dankbar sein, dass sie mir keine
Plastikhühner hingestellt haben! Wenigstens von weitem, wenn man denn in diesem Gefängnis
von Weite reden will, erwecken sie die Illusion von der fruchtbaren Henne! Dass sie nicht gackern,
ist einesteils ganz angenehm. Auf die Dauer aber frustrierend."
"Warum du hier stehst, und allein, ist mir immer noch nicht klar!"
"Dann guck mich doch mal richtig an! Die Federn vertuschen so manches. Ein guter Hahn wird
selten fett!, dieses Sprichwort hast du doch bestimmt schon mal gehört, oder? Und sieh mich an!
Alt, fett, zäh! Absolut überflüssig!"
"Und wo sind nun deine Hennen?"
"Na, wo wohl? Vor Jahren ist die letzte im Kochtopf gelandet! Ob der Esser Freude an dem Viech
hatte, ja, ob er die Mahlzeit überlebt hat, frag mich nicht! Notgeschlachtet hat man sie! Eine nach
der anderen! Eier haben sie gelegt, wie verrückt! Manche bis zu 10 an einem Tag! Aber alles Windeier.
Nicht nur, dass die Eier ungenießbar waren. An Nachwuchs, an kleine, gelbe Küken, war schon lange
nicht mehr zu denken! Was habe ich mich abgemüht! Rauf auf die Henne, runter von der Henne!
Was als Spaß begann, war nur noch lästige Pflicht! Vor allem will man ja auch mal die Früchte seiner
Arbeit sehen! Nichts zu machen! Ich war so mager, dass mir die Federkiele um den Balg herum
schlotterten! Und dann das Geschrei und Gegacker von den Hennen! Dieses ewige Eierlegen zehrt
an den Kräften. Völlig ausgepumpt lagen sie in den Ecken herum! Eines Tages saß ich ganz allein
auf der Stange. Hatte meine wohlverdiente Ruhe. Sie sagen, es lag am Futter. Irgendetwas ist außer
Kontrolle geraten. Mit den Hormonen oder so. Mir haben sie Extrafutter gegeben. Schließlich sollte
ich ja keine Eier legen! Es wurde mir in einem Plastikbehälter serviert. Der Futterstutzen war so
schmal, dass  nur ich mit meinem Hahnenkopf hinein passte. Nicht so eine alte Legehenne mit
dickem Hals!"
"Sehr liebevoll redest du ja nicht von deinen Hennen! Man könnte meinen, du wärest froh, sie los
 zu sein!"
"Das nicht gerade. Es wurde mir ganz einfach zu viel! So jung war ich damals ja auch nicht mehr!"
"Und jetzt hast du deine Ruhe!"
"Mehr als das! Die Menschen, die auf der anderen Seite des Gitters vorbei pilgern, schrecken mich
nur manchmal aus meinen  Träumen. Mit ihrem: Guck mal, was da steht! Gemeines Norddeutsches
Haushuhn! Das geht mir doch über den Kamm! Als hätte der Mensch, der das Schild geschrieben hat,
keine Ahnung, dass es auch bei Hühnern Vertreter beiderlei Geschlechts gegeben hat!"
"Bin ich froh, dass es keine Eier mehr zu kaufen gibt! Das mit den glücklichen Hühnern habe ich
schon immer für ein Märchen gehalten!"
"Das schlimmste kommt ja noch! Darum frage ich doch, wie es um meine Figur bestellt ist. Sie haben
noch massenweise Hühnerfutter auf Lager. Aber seit Wochen bekomme ich nun das Futter für
Legehennen. Krähen kann ich nicht mehr. Ich probiere es manchmal in der Nacht, wenn kein Mensch
im Raum ist. Bei Tage zu krähen, das habe ich mir frühzeitig abgewöhnt. Zu Anfang bekam ich Ärger,
wegen der Lärmbelästigung. Später haben sie mich einfach ausgelacht. Nun ertappe ich mich immer
öfter dabei, dass ich gackere wie eine Henne. Und das ist mir schrecklich peinlich! Wohin soll das
noch führen?"
Notiz in der Osterausgabe der Lübecker Nachrichten:
Beginn eines neuen Zeitalters? Bobby, der einzige noch lebende Hahn auf der nördlichen Halbkugel,
der sein Gnadenbrot im Naturhistorischen Museum zu Lübeck isst, hat in der Nacht zu Karfreitag sein
erstes eigenes Ei gelegt! Ungeklärt ist nur, warum er damit nicht bis Ostern warten konnte!

Karin Rohner 1995
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