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Die
Winterreise nach Helgoland
Es war Ende der der Sechzigerjahre, dass ich einige Tage auf Helgoland
weilte. Ein Brieffreund aus der Schweiz, dessen Eltern in Lauenburg zu
Hause waren, hatte mich eingeladen, mit ihm den Jahreswechsel auf dem
Eiland zu verbringen. Angeblich war ein Freund, der eigentlich mitreisen
wollte, ausgefallen.
Egal, ich nahm die Einladung gern an, und wir trafen uns am Hamburger
Hauptbahnhof, um mit seinem Auto nach Cuxhaven zu fahren.
Bisher war ich nur vom Hamburger Hafen und mit
größeren Schiffen gen
Helgoland gefahren. Heute weiß ich nicht mehr, war es nun die
"Seute
Dern" oder die "Alte Liebe", auf der wir uns in Cuxhaven einschifften.
Auf jeden Fall war das Boot sehr klein und voll.
Ich bin dann gleich losgeprescht, um irgendwo einen Sitzplatz
für zwei zu
ergattern, da mein Brieffreund sich für diese "Arbeit" als
ungeeignet heraus
stellte. Ich glaube, er war schon beim Anblick des Schiffes seekrank
geworden und versuchte, das zu vertuschen.
Nun bin ich ein Mensch, dem die See gar nicht hoch genug gehen kann.
Im Gegenteil, ich finde es toll, wenn einem beim Laufen an Deck
die Füße
scheinbar weggezogen werden. Zuletzt hatte ich dieses Gefühl
auf einer
Schiffsreise von Travemünde nach Kopenhagen genossen.
Also schlemmte ich meine Würstchen mit Kartoffelsalat und noch
andere
Bord-Delikatessen, wofür ich nicht nur Bewunderung erntete.
Zum Glück legte das Schiff direkt im Hafen von Helgoland an.
Die
Ausbooterei blieb meinem Begleiter erspart.
Wir wohnten irgendwo auf dem Oberland in einer kleinen Privatpension.
Es war richtig Winter auf Helgoland. Die meiste Zeit schneite es und der
Sturm ließ auch nicht zu wünschen übrig.
Trotzdem wollte ich den nächsten Morgen die obligatorische
Wanderung
rund um die Insel machen.
Mein Begleiter wollte aber erstmal Ansichtskarten kaufen. Ich kannte
ihn,
wie gesagt, nur aus Briefen und wusste nicht, was er im wahren Leben
für ein Langweiler sein konnte. Er schrieb jedenfalls den
ganzen Vormittag
Karten. Anscheinend musste die ganze Welt erfahren, dass er auf
Helgoland
weilte.
Wir machten dann am Nachmittag doch noch den Weg um die Insel, gingen
anschließend ins Schwimmbad, wo ich es besonders schön fand, weil mir
im Außenbecken die Schneeflocken um die Ohren wirbelten.
Abends gingen wir groß aus - das heißt, mein
Begleiter schleppte mich
mit ins Kurhaus, wo im Fernsehen die Fortsetzung irgendeines Durbridge-
Straßenfegers lief. Den Anfang davon hatte er bei
seinen Eltern in
Lauenburg gesehen.
Spätestens in diesem Moment wäre ich gern abgereist.
Aber unser Schiff
ging erst am Neujahrstag. Also mussten wir notgedrungen auch noch den
2. Abend, das war der Silvesterball im Kurhaus, zusammen verbringen.
Er meinte an dem Abend, es wäre an der Zeit, dass wir uns
endlich duzten.
Doch mir erschien das überflüssig.
Am Tag unserer vorgesehenen Abreise herrschte Schietwetter. Wann das
Boot aus Cuxhaven ankäme, das stand in den Sternen.
Ich glaube, irgendwann am Nachmittag stachen wir in See, mein Begleiter
war noch stiller als auf der Hinreise.
Am Hauptbahnhof in Hamburg verabschiedeten wir uns und sahen und
hörten nie wieder voneinander.
Man sollte einen Menschen, mit dem man lange, interessante Briefwechsel
pflegte, niemals auf einer Insel treffen. Im Falle einer Enttäuschung gibt es
keinen Fluchtweg!
© Karin Rohner 2007
[Nordsee-Husum]
- [Sylt-Wenningstedt] - [Der Atlantik] - [Helgoland]
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