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Ratzeburg und der Ratzeburger See
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Dreizehn
wilde Frauen am Ratzeburger See
ein Märchen von Karin Rohner
Sie hatten das Stadtleben gründlich satt. Der Mief der
Büroräume, Kneipen
und öffentlichen Verkehrsmittel hing in ihren Kleidern,
verklebte ihre
Lungen, beschwerte Herz und Gemüt.
Drei Tage unter Gleichgesinnten! Auf den Spuren der wilden
Frauen des
Mittelalters, zu deren Lebzeiten meistens als Hexen gebrandmarkt. Mal
selber
ein wenig Hexe spielen. Für ein paar Stunden sich Menschen,
Dinge und die
Natur nutzbar machen. Welche Frau hätte nicht schon einmal
davon geträumt?
Das Haus am See, über einem alten Brunnen errichtet.
"Das ist nun euer Heim für die nächsten Tage!",
sprach die Hexe Mathilda und
räkelte sich genüsslich auf ihrem Lager aus Binsen
und Weidenruten. Mitten im
Raum stand ein Gebinde aus allerlei Zweigen, Gräsern und
Kräutern. Die Frauen
des Mittelalters brachen Äste und Ruten, sammelten
Kräuter und Beeren,
sorgsam und in Maßen. Sie wussten um deren Wert.
Unsere Frauen bewunderten den dekorativen Strauß. Sie
zündeten ein
Freudenfeuer an, verdampften ätherische Öle und
tanzten den Sonnentanz um
die vermeintlichen Wohltäter herum.
Diese wussten die Ehre nicht zu schätzen. Des Sonnenlichts
beraubt,
angewidert von all den fremden Düften, ließen sie
die Köpfe hängen. Am
schwersten litten jene Zweige, die neben ihrem herbstlichen Laub auch
noch
ihre jährlichen Früchte trugen. Stiel an Stiel mit
den ungeliebten Nachbarn -
das Wasser in der viel zu engen Vase konnte ihren Lebensdurst nicht
stillen.
Bei Gesprächen, Gesängen, Gelächter und Tanz
flossen die Stunden dahin.
Die Septembersonne schien auf den See, das Hexenhaus und die dreizehn
Frauen.
Des Nachts zündeten sie Kerzen an, gingen hinunter ans Wasser,
spiegelten
sich und ihre bunten Laternen in der Tiefe. Fische erhoben sich aus dem
Dunkel,
schnappten nach leichtsinnigen Mücken. Aus dem nahen Wald rief
ein Käuzchen.
Glücklich und zufrieden krochen die Frauen in ihre Federbetten
und fielen in
einen mondlichtbeschienenen Traum.
Viel zu früh nahte der Tag der Abreise. Nach dem
Frühstück begaben sich zwei
der Frauen in den Wald und kehrten erst nach Stunden wieder
zurück, den Arm
voller bunter Zweige.
"Guck mal, die beiden Frauen!", rief ein kleines Mädchen.
"Die haben alles abgepflückt! Und du sagst immer, ich darf das
nicht!"
"Das sind dumme Frauen!", sprach die Mutter.
"Die wissen es nicht besser!"
Im Hexenhaus gab es ein Riesen-Hallo. Der verwelkte
Kräuterstrauß wurde hinaus
befördert, der frische in die Vase gestellt. Den zweiten und
größten aber
erhielt die Hexe Mathilda als Dank für ihre Gastfreundschaft.
Sie thronte auf
ihrem Hexensitz und ließ ein paar Tränen der
Rührung kollern. Dann schwang
sie sich glucksend auf ihren Hexenbesen und drehte einige
Ehrenrunden, wobei
sie Obacht geben musste, dass sie nirgendwo aneckte. Ihr Outdoor-Besen
war nicht
für den Betrieb in Innenräumen ausgerüstet.
"Ich danke euch!", krächzte sie von oben herab.
"Welch herrlicher Strauß! Gerade richtig für meine
Stadtwohung!"
"So einen Strauß will ich auch mitnehmen!", riefen die Frauen
zugleich.
Sie ergriffen Messer und Scheren und stürzten nach
draußen.
Es begann ein wildes Gemetzel.
"Diese Schlehe gehört mir!"
"Die Hagebutten sind für mich!"
"Lasst mir noch etwas von dem Weißdorn übrig!"
Aus den umliegenden Häusern traten die Menschen und riefen
einander zu:
"Die halten reiche Ernte! Kommt, lasst uns mitmachen, solange noch ein
Zweiglein
zu haben ist!"
Sie waren besser dran als die Frauen, hatten sie doch Heckenscheren,
Motorsägen
und Äxte dabei
"Nimm diesen Baum, bevor es ein anderer tut! Das gibt ein Freudenfeuer!"
"Sieh nur, diese herrliche Aussicht! Mit dem vielen Grün davor
kam der See gar
nicht richtig zur Geltung!"
Eine alte Eiche stand ihnen noch im Weg. Hier mussten sie gemeinsam
anpacken.
Lange sträubte sich die rauhe Borke gegen den Eingriff.
Schließlich gab auch sie nach. Stämme und Zweige
türmten sich links und rechts
des Weges. Die Vögel, ihres Unterschlupfs und ihrer Nahrung
beraubt, flogen
kopflos und stumm davon. Jahrelang hatten sie ihre Stimmen erhoben.
Doch die
Menschen hatten die Töne nicht als Klage, sondern als
lieblichen Gesang
hingenommen - vom Herrgott erdacht, um ihnen eine Freude zu machen.
In der kleinen Stadt zu Füßen des mächtigen
Doms herrschte helle Aufregung.
Eltern mit ihren Kindern unterbrachen den Sonntagspaziergang. Menschen
auf
dem Kirchgang vergaßen ihr Ziel - sie alle zog es an den
Ratzeburger See. Wie
gebannt beobachteten sie das Treiben am gegenüber liegenden
Ufer - die weiter
werdende Lichtung, die aufsteigenden Rauchsäulen.
"Drüben feiern sie eine Riesenparty! Lasst uns hinfahren und
mitmachen!"
Sie holten ihre Autos aus den Garagen oder schwangen sich auf ihre
Fahrräder.
Schon bald merkten sie, dass andere den selben Entschluss gefasst
hatten. Die
schmale Seestraße war so verstopft, dass es kein Vor und kein
Zurück mehr gab.
Nur die Sportlichen auf ihren Drahteseln erreichten auf Schleichwegen
den
Festplatz. Sie wurden nicht enttäuscht. Hunderte von
Schaulustigen drängelten
sich zwischen Feuerschluckern, Würstchenbuden und
Losverkäufern. Männer und
Frauen tanzten johlend um brennende Scheiterhaufen herum. Ein Kinder-
Karussell drehte seine Runden. Die Musik schallte weit über
den See hinaus.
Die wilden Frauen zogen sich in das Hexenhaus zurück und sahen
dem Trubel
von fern zu.
"Wie sollen wir denn jetzt nach Hause kommen? Alle Wege sind blockiert.
Mein
Mann und meine Kinder warten bestimmt schon auf mich. Wenigstens zum
Kaffeetrinken wollte ich daheim sein!"
"Da kann ich auch nicht helfen!", erklärte die Hexe Mathilda.
"Selbst wenn ich zweien von euch meinen Besen leihen würde -
in die Lüfte
könnte ich euch noch bringen! Aber allein kämet ihr
nie wieder herunter!"
Da saßen sie nun, unsere 13 wilden Frauen, jede mit einem Arm
voller Reisig.
Und wenn ihnen die Hexe Mathilda nicht das Besenbinden beigebracht
hätte,
so säßen sie dort heute noch!
Karin Rohner 1994/2006
[Die Wende] - [Holundersekt]
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