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Eine Brunnengeschichte
Mein Fahrrad trägt den Markennamen eines Versandhauses und ist
so gut wie neu. Es bedarf endloser Geduld und guter Beziehungen, um
einen der wenigen, den Hotelgästen zur Verfügung
stehenden Drahtesel zu ergattern.
Ich schlage den Weg Richting Meer ein. Auf dem sandigen Boden
fällt das Treten schwer. Zur Rechten, hinter Bäumen
halb verborgen, das Haus Gerhart Hauptmanns. Als ich das dem Strand
vorgelagerte Inselmuseum erreiche, wende ich mich nach links. Auf der
Deichkrone läuft das Fahrrad wie von selbst. Ich lasse die
Bäume und Hügel von Kloster hinter mir. Eingebettet
in Dünen, taucht für einen kurzen Moment Vitte auf,
und versinkt wieder im Sand. Eine Meile weiter westwärts habe
ich das Ende der Promenade erreicht.
Der Strand und die Insel gehören mir. Hier an der offenen See
weht eine leichte Brise. Im sanften Spiel der Wellen möchte
ich mich verlieren.
Ich stolpere die Gangway hinauf. Auf dem Vorderdeck türmt sich
das Gepäck. Wir wenden im seichten Wasser, fahren uns fest,
kommen wieder frei. Der alte Dampfer ächzt und
stöhnt, als wolle er auseinanderbrechen. An Backbord rauscht
die Finnlandfähre vorbei, bringt uns beinah zum Kentern. Im
Zwischendeck sind noch ein paar Sitzplätze frei. Hier unten,
im Bauch des Schiffes, wird das Dröhnen der Maschinen
unerträglich.
Langsam hat sich das Boot eingependelt. Stampft voraus in Richtung
Travemündung. An Steuerbord dümpelt die Passat vor
sich hin, durch die Bullaugen verzerrt wie in einem Hohlspiegel.
Als wir den rot-weißen Leuchtturm, die alte und neue Mole
passiert haben, geht das Ächzen der Maschinen in ein
gleichmäßiges Hämmern über. Ich
wähle die Bank auf dem Achterdeck. Möwen umkreischen
mich. Wir haben das offene Meer erreicht.
Irgendjemand legt eine Hand auf meinen Arm. Wir sind bald da! Ich suche
die Umrisse der mecklenburgischen Küste. Vergeblich.
Irgendetwas scheint sich zusammen zu brauen. Ich wickle meinen Mantel
fester und frage mich, was ich hier mitten auf der Ostsee suche.
Unser Schiff verliert an Geschwindigkeit. Mittschiffs voraus
hängen schwarze Wolken über dem Wasser.
Die Strömung erfasst den Kahn, wirft ihn mitten in die feuchte
Masse. Salztropfen benetzen Gesicht und Haare, brennen in den Augen und
aus dem scheinbar undurchdringlichen Nebel taucht er auf, der gewaltige
Bunnen. Ein Raunen geht durch die Menge.
Meine Damen und Herren! Vor uns sehen wir den Deutschen Brunnen.
Über vier Jahrzehnte galt er als verschollen. Es kursierte das
Gerücht, irgendjemand habe ihn demontiert und seine Rohstoffe
für wichtigere eilige Bauvorhaben verwandt. Ende der achtziger
Jahre tauchte er ganz unverhofft wieder auf. Vielleicht stand er auch
die ganze Zeit an derselben Stelle und die Menschen hatten ihn aus den
Augen verloren.
Es handelt sich hierbei um einen artesischen oder
Überlaufbrunnen. Die größte untere Schale
hat nahezu ein Jahrtausend überdauert. Obwohl sie mehrfach
umgebaut wurde, können wir dennoch die romanischen
Rundbögen erkennen, die das Bauwerk stützen sollten.
Die mittlere Schale zeigt eine gelungene Verbindung von Manierismus und
Barock. Die Putten, die das Gewölbe mittragen, müssen
dringend renoviert werden. Andernfalls wird die zweite Schale eines
Tages in der unteren versinken. Am interessantesten dürfte
für Sie die obere und kleinste Schale sein. Klassizismus,
Jugendstil, ein Hauch Bauhaus - Sie werden kaum ein zweites Objekt
innerhalb Europas finden, an dem sich so viele Baustile versuchten.
Vierzig Jahre lang konnte dieser Brunnen nicht in Stand gesetzt werden.
Wen wundert es, dass das Wasser in unkontrollierten Bahnen
fließt.
Höheren Ortes wurde nun beschlossen, die Anlage von Grund auf
zu sanieren. Leider fehlen die Mittel. Wir sind auf Ihr Wohlwollen
angewiesen. Tragen Sie durch eine Spende dazu bei, dass das Wasser im
Brunnen wieder ungehindert strömen kann. Sonst wird die
gesamte Ostseeküstenregion eines Tages versteppen.
Als ich erwache, fühle ich mich sterbenselend. Das
Frühstücksbuffet bleibt unberührt. Hat sie
dich auch erwischt, die Inselkrankheit. Vielleicht liegt es am
Insel-Wasser. Habt Ihr etwa Leitungswasser getrunken?
Ach, hört doch auf, rufe ich. Ob Ost oder West, wir
schöpfen doch alle aus der selben Quelle!
Der junge Mann in der Ecke, der sich gewöhnlich aus allem
raushält, sieht mich an und sagt: Schön
wär's ja. Aber das wird wohl noch 'ne Weile dauern!
Nun frage ich mich, woher kennt er meinen Traum?
© Karin Rohner 1991/2006
Der
rasende Roland
Blick auf Kloster
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