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Hiddensee

 
 
Karin Rohner - Ostsee-Leuchtturm

Abschied von Hiddensee

Eine Brunnengeschichte


Mein Fahrrad trägt den Markennamen eines Versandhauses und ist so gut wie neu. Es bedarf endloser Geduld und guter Beziehungen, um einen der wenigen, den Hotelgästen zur Verfügung stehenden Drahtesel zu ergattern.
Ich schlage den Weg Richting Meer ein. Auf dem sandigen Boden fällt das Treten schwer. Zur Rechten, hinter Bäumen halb verborgen, das Haus Gerhart Hauptmanns. Als ich das dem Strand vorgelagerte Inselmuseum erreiche, wende ich mich nach links. Auf der Deichkrone läuft das Fahrrad wie von selbst. Ich lasse die Bäume und Hügel von Kloster hinter mir. Eingebettet in Dünen, taucht für einen kurzen Moment Vitte auf, und versinkt wieder im Sand. Eine Meile weiter westwärts habe ich das Ende der Promenade erreicht.
Der Strand und die Insel gehören mir. Hier an der offenen See weht eine leichte Brise. Im sanften Spiel der Wellen möchte ich mich verlieren.

Ich stolpere die Gangway hinauf. Auf dem Vorderdeck türmt sich das Gepäck. Wir wenden im seichten Wasser, fahren uns fest, kommen wieder frei. Der alte Dampfer ächzt und stöhnt, als wolle er auseinanderbrechen. An Backbord rauscht die Finnlandfähre vorbei, bringt uns beinah zum Kentern. Im Zwischendeck sind noch ein paar Sitzplätze frei. Hier unten, im Bauch des Schiffes, wird das Dröhnen der Maschinen unerträglich.

Langsam hat sich das Boot eingependelt. Stampft voraus in Richtung Travemündung. An Steuerbord dümpelt die Passat vor sich hin, durch die Bullaugen verzerrt wie in einem Hohlspiegel.
Als wir den rot-weißen Leuchtturm, die alte und neue Mole passiert haben, geht das Ächzen der Maschinen in ein gleichmäßiges Hämmern über. Ich wähle die Bank auf dem Achterdeck. Möwen umkreischen mich. Wir haben das offene Meer erreicht.
Irgendjemand legt eine Hand auf meinen Arm. Wir sind bald da! Ich suche die Umrisse der mecklenburgischen Küste. Vergeblich. Irgendetwas scheint sich zusammen zu brauen. Ich wickle meinen Mantel fester und frage mich, was ich hier mitten auf der Ostsee suche.
Unser Schiff verliert an Geschwindigkeit. Mittschiffs voraus hängen schwarze Wolken über dem Wasser.
Die Strömung erfasst den Kahn, wirft ihn mitten in die feuchte Masse. Salztropfen benetzen Gesicht und Haare, brennen in den Augen und aus dem scheinbar undurchdringlichen Nebel taucht er auf, der gewaltige Bunnen. Ein Raunen geht durch die Menge.

Meine Damen und Herren! Vor uns sehen wir den Deutschen Brunnen. Über vier Jahrzehnte galt er als verschollen. Es kursierte das Gerücht, irgendjemand habe ihn demontiert und seine Rohstoffe für wichtigere eilige Bauvorhaben verwandt. Ende der achtziger Jahre tauchte er ganz unverhofft wieder auf. Vielleicht stand er auch die ganze Zeit an derselben Stelle und die Menschen hatten ihn aus den Augen verloren.
Es handelt sich hierbei um einen artesischen oder Überlaufbrunnen. Die größte untere Schale hat nahezu ein Jahrtausend überdauert. Obwohl sie mehrfach umgebaut wurde, können wir dennoch die romanischen Rundbögen erkennen, die das Bauwerk stützen sollten. Die mittlere Schale zeigt eine gelungene Verbindung von Manierismus und Barock. Die Putten, die das Gewölbe mittragen, müssen dringend renoviert werden. Andernfalls wird die zweite Schale eines Tages in der unteren versinken. Am interessantesten dürfte für Sie die obere und kleinste Schale sein. Klassizismus, Jugendstil, ein Hauch Bauhaus - Sie werden kaum ein zweites Objekt innerhalb Europas finden, an dem sich so viele Baustile versuchten. Vierzig Jahre lang konnte dieser Brunnen nicht in Stand gesetzt werden. Wen wundert es, dass das Wasser in unkontrollierten Bahnen fließt.
Höheren Ortes wurde nun beschlossen, die Anlage von Grund auf zu sanieren. Leider fehlen die Mittel. Wir sind auf Ihr Wohlwollen angewiesen. Tragen Sie durch eine Spende dazu bei, dass das Wasser im Brunnen wieder ungehindert strömen kann. Sonst wird die gesamte Ostseeküstenregion eines Tages versteppen.

Als ich erwache, fühle ich mich sterbenselend. Das Frühstücksbuffet bleibt unberührt. Hat sie dich auch erwischt, die Inselkrankheit. Vielleicht liegt es am Insel-Wasser. Habt Ihr etwa Leitungswasser getrunken?
Ach, hört doch auf, rufe ich. Ob Ost oder West, wir schöpfen doch alle aus der selben Quelle!
Der junge Mann in der Ecke, der sich gewöhnlich aus allem raushält, sieht mich an und sagt: Schön wär's ja. Aber das wird wohl noch 'ne Weile dauern!

Nun frage ich mich, woher kennt er meinen Traum?

© Karin Rohner 1991/2006

Der rasende Roland



Blick auf Kloster

Karin Rohner - Ostsee-Leuchtturm











Textbereich:
Ostsee-Leuchtturm, Nordsee-Inseln
Rügen-Hiddensee-Kloster
Copyright © 2006 by
Karin Rohner

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